Auf den Spuren des ursprünglichen Tantra in Indien - Reisetagebuch einer Initiation

von Katrin Laux

Rückwärts betrachtet, war es die perfekte Inszenierung. Der größte Regisseur hätte es nicht besser gestalten können. Bis hin zu dem Detail, dass alles bei Neumond begann und zu Vollmond endete. Dazwischen jedoch, vor allem an den ersten Tagen, kam uns das, was wir erlebten, oftmals so absurd und chaotisch vor, dass wir abreisen wollten. Was mir half, waren zwei Gedanken. Zum einen erwähnte meine schmanische Lehrerin oft: „Wachstum findet an der Grenze statt!“. Und zum anderen hatte ich die Worte meiner reiseerfahrenen Tochter im Ohr: „Mutter, es ist Indien. Also nicht fragen, einfach machen.“

Tantra ist ein uralter spiritueller Weg aus Indien, der im Kern anderen schamanischen Traditionen ähnelt. Der Unterschied zu Religionen besteht hauptsächlich darin, dass nach tantrischer Ansicht das Göttliche nicht außerhalb, sondern in jedem von uns wohnt. Die ursprünglichen Lehren helfen dabei, das Leben zu meistern und gehen von der Akzeptanz dessen aus, was ist. Die Absicht ist, die Menschen zu stärken – Angst, Hass, Sünde und Scham gehören daher nicht zu den Tantras (Lehren).

Die Lehren werden hauptsächlich mündlich überliefert und mit verschiedensten Methoden wie Zeremonien, Mantras oder Gebeten zelebriert. Es gibt Tantras für alle Bereiche des Lebens; für Gesundheit, Beziehungen aller Art oder Finanzen. Sexualität ist ein ebensolcher Bereich, der als etwas Natürliches und zugleich Heiliges betrachtet wird – stecken in ihm doch enorme Kräfte! Im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts wurde hauptsächlich diesem Teil Beachtung geschenkt – dadurch ist Tantra zwar bei uns bekannt geworden, wurde aber kaum in seiner ursprünglichen Bedeutung erfasst.

Erwähnenswert sei noch, dass sich ein Schüler zwar einen Tantralehrer suchen kann, nicht aber einen (erleuchteten) Meister. Dieser sucht sich seine Schüler selbst aus. Tantrameister leben oft ein bodenständiges, „normales“ Leben und haben meist nur wenige Schüler, zu denen der Kontakt dafür umso intensiver ist.

Aber lieber der Reihe nach. Gerade von einem Familienurlaub in Indien zurück, bekam ich im Februar die Einladung zu einem Tantra-Workshop im mittleren Westen Indiens, in der Region Gujarat. Obwohl ich Matthias Grimme fest versprochen hatte, zum Workshop-WE dabei zu sein, gab es irgendwie keine Frage – mein Visum war noch gültig und ich musste diese Reise machen, zumal sie finanziell recht günstig war. Ich fragte im Team herum, ob noch jemand Interesse habe und Maria, die Leiterin unseres Seminarzentrums, entschloss sich mitzukommen. Das war ein großes Glück, denn ohne Maria wäre kein Tag denkbar gewesen.

KaliDie Einladung war von einer Österreicherin gekommen, die schon einige Monate im Ashram lebte und diesen unterstützen wollte. So hatte sie begonnen, einen Workshop zu organisieren und einige deutschsprachige Tantrainstitute angeschrieben, die sie sympathisch fand. Sie hatte mir auch zugesagt, beim Übersetzen zu helfen, denn mein Englisch ist ziemlich dürftig. Im Ashram angekommen, stellte sich heraus, dass sie von einer Reise nicht zurückkehren konnte, weil sie sich verletzt hatte. Außerdem waren wir die einzigen ausländischen Teilnehmer. Uns wurde noch Sheela vorgestellt, eine ayurvedische Ärztin. Der Guruji (die Silbe „ji“ ist eine respektvolle Koseform und kann an jeden Namen angehängt werden) und seine Begleiterin Trushna empfingen uns am Vorabend des ersten Workshoptages herzlich. Sie sollten für die kommenden zwei Wochen – wie sich dann herausstellte auch darüber hinaus – unsere Familie sein.

Tag 1 – Ankommen

Der Tag beginnt wie auch die kommenden Tage 6.30 Uhr mit Yoga. In den folgenden Gesprächen mit dem Meister merke ich, wie ich fast die Fassung verliere; ich verstehe nicht was er sagt, ich bin mit einer starken Erkältung angereist will mich eigentlich nur ausruhen. Wir erhalten ein Mantra und sollen es am Tag 2 – 4 Stunden aufsagen. Ich frage mich wozu ich hier bin, ich bin traurig und wütend. Außerdem sind hier 40 Grad, was sich auch in den kommenden Tagen kaum ändern wird. Wir nehmen an einer Puja (Zeremonie) teil. In einem Zimmer ist ein Altar aufgebaut, vor dem viele Stunden am Tag ein Priester sitzt und neben dem Rezitieren von Sanskrit-Texten auch ziemlich verrückte Sachen macht, wie Essen durch die Gegend schnipsen oder Wasser um sich spritzen. Trushna hält einen Spiegel, auf den zahllose unterschiedliche Speisen, Getränke und Öle geschmiert und mit der Hand verrieben werden. Der Spiegel wird in ein rotes Tuch gewickelt, unsere Häupter damit berührt und gesegnet.

Maria fährt mit Trushna in die Stadt, wo neben vielen anderen Dingen für uns beide jeweils ein Sari und Ritualgegenstände gekauft werden. Wir verstehen erst später warum.

Tag 2 – Das Wünschen

Vorbereitung auf die InitiationDie Nacht unterm Sternenhimmel endet mit einem unangenehmen Gestank nach Chemiefabrik. Wir bemerken, dass direkt unter den Räumen des Ashrams Farbe hergestellt wird. Wir überlegen, warum wir nicht die Koffer packen, auf die Workshopkosten pfeifen und ans Meer abdüsen, am besten nach Goa! Ich habe das Gefühl, diese Reise war ein Fehler. Unseren Gastgebern bleibt unsere Stimmung nicht verborgen. Ich werde gebeten, mit F. zu sprechen, einem von Gurujis Schülern (disciple) in Amerika, der deutsch spricht. F. erklärt mir, dass wir es mit einem sehr erleuchteten Tantra-Meister zu tun haben, der aus dem Rad der Wiedergeburten ausgestiegen ist, Trushna sei ebenfalls erleuchtet. Der Guru könne Wünsche erfüllen, weil er mit der Quellenenergie verbunden ist und auf diese Weise im energetischen Feld Einfluss auf Dinge nehmen kann, bevor sie Form und Gestalt annehmen. Wir sollten uns also noch vor der Zeremonie genau überlegen, was wir uns wünschen. Ich frage ihn, wie er zu dieser Aussage über den Guru komme, mein Verstand will einen Beweis. F. lacht und meint, dass wir es ausprobieren sollten. Bisher habe sich das Leben der Besucher des Ashrams zum Teil grundlegend verändert. Ihn selbst habe es z.B. von Österreich nach Los Angeles verschlagen, einer großen Liebe wegen.

Boah! Und das mir, wo ich an allem zweifle. Es klingt wie ein Marketingtrick, aber das würde nicht hierher passen. Im Laufe der nächsten Tage sollten wir merken, dass uns weit mehr geschenkt wurde, als mit Geld bezahlbar gewesen wäre. Ich spüre, dass von mir eine Entscheidung verlangt wird. Und wieder fällt mir meine Lehrerin ein: „Das Leben kann nur mitspielen, wenn du dich einlässt. Reich dem Leben die Hand – und es gibt dir Antworten, auch wenn du die Fragen noch nicht kennst.“ Ich entscheide mich dazu, mich einzulassen, ich bin neugierig. Was aber wesentlicher ist: Ich bemerke an mir eine Veränderung. Ich beginne Trushna und Guruji zu mögen. Ich fühle mich gelassener und einverstanden. Die Entscheidung ist gefallen, auch weil Maria zustimmt und es ihr wohl ähnlich geht.

Guruji klärt uns nun auf, oder wir beginnen erst jetzt zu verstehen. Manches wird uns dann noch im Laufe der Zeit klar, bei den Gesprächen und Unterweisungen, die jetzt täglich stattfinden und von denen ich mit Marias Hilfe wenigstens einen Teil verstehe. Wir sind also beide nicht zu einem Workshop hier. Wir sind beide hier, um eine Initiation zu erhalten, und das ist eine ganz andere Sache. Normalerweise wird man darauf über Jahre hinweg vorbereitet. Ich sei aber, so meint der Guru, schon vor langer Zeit bei ihm gewesen, in früheren Leben. Für mich ergibt plötzlich vieles einen Sinn. Meine Beschäftigung mit Tantra, meine Liebe zu Indien, meine Suche nach energetischen Formen von Sexualität… Ich bemerke, wie mein spirituelles Ego wächst und nehme mir fest vor, mich davon möglichst wenig beeindrucken zu lassen. Gleichzeitig meckert eine Stimme: „Jetzt hebst du ja völlig ab! Wolltest du nicht bodenständig bleiben? Was für Quatsch hörst du dir da an!?“ Offensichtlich kann ich mich auf das, was in meinem Kopf vor sich geht, nicht wirklich verlassen. Worauf dann?

Am Abend lädt mich der Meister zum Darshan ein. Wir sitzen uns auf dem Dach gegenüber, meditieren gemeinsam, und mir rinnen die Tränen nur so herab. Ich merke, wie mein Herz sich öffnet. Wie ein altes, verrostetes Scheunentor, das in den Angeln quietscht und durch das jetzt Licht hereinströmt. Ich denke nicht mehr. Ich fühle.

Der Priester bei der PujaTag 3 – Die Probe

Vorbereitung auf die Initiation. Wir ziehen zum 1. Mal unseren Sari an, uns wird sehr feierlich zumute. Trushna und Sheela leihen uns jede Menge Glitzerschmuck, helfen uns beim Schminken und reichen uns Nagellack. Wir fühlen uns wie Königinnen und zugleich wie Kinder.

Nach der Puja erklärt uns der Meister, dass wir jetzt 24 Stunden Zeit haben, ihn zu testen, und auch er wird uns testen. (Normalerweise dauert das drei Tage, aber sie machen eine Ausnahme für uns, da wir ja schon bald wieder abreisen.) Wir sollen wirklich überlegen, ob wir bereit sind für diese Initiation. Gehen wir durch diesen Prozess, gehören wir für immer zu seiner spirituellen Familie. Das bedeutet anders herum aber auch, dass wir ihn ermächtigen, unseren Wachstumsprozess zu unterstützen. Das braucht unbedingtes Vertrauen. Zu diesem Zeitpunkt hat bereits ein Teil in mir die Führung übernommen, der weiser und entschlossener ist, und den ich in Ermangelung eines besseren Wortes „Gottvertrauen“ nennen will.

Ich frage ihn, ob wir bei der Zeremonie irgendetwas falsch machen können. Er lacht und meint: „Auf jeden Fall wirst du vieles falsch machen! Aber was ist denn dabei?!“ Dieses „Don't worry!“ hören wir ab jetzt täglich mehrmals – offensichtlich haben wir es nötig.

Abends erleben wir auf dem Dach das erste Feuerritual. Wir schauen hauptsächlich zu. Der Stein wird geschmückt, es werden viele Sanskrit-Texte vorgetragen, anschließend werfen die Anwesenden ein Gemisch aus verschiedenen Körnern unter Abgesang von Mantras ins Feuer.

Tag 4 – Die Initiation

Wir dürfen nichts essen und trinken bis nach der Initiation, um den Geist klar zu halten. Nach dem Yoga meditieren wir, ich schlafe etwas, dusche dann ausgiebig und schminke mich. Wieder helfen uns die Frauen beim Ankleiden. Für 14 Uhr ist die Initiation angesetzt. Zuvor gibt es noch ein Gespräch, um Fragen an den Meister zu stellen und Zweifel auszuräumen. Ich bin etwas aufgeregt, aber in mir hat sich eine Klarheit ausgebreitet, die mich selbst verwundert. Nein, kein einziger Zweifel, in keiner Ecke meines Hirns - und im Herzen schon gar nicht. Einfach nur ein großes „Ja, ich will“. Ich erfahre jetzt, dass ich über die Göttin Kali mit meinem Meister verbunden bin und dass auch ich einen Teil von ihr in mir trage. Auch das verwundert mich nicht. Seit Jahren hängt ein großes Bild von ihr bei mir zu Hause. Wirklich verbunden war ich nicht mehr – es gab zu viele ungeklärte Fragen, die mit „Tantra“ zu tun hatten, wie ich es in Deutschland erlebt hatte. Maria wiederum erhält die Verbindung zu Tara, die kraftvolle Entscheidung für Mitgefühl.

GöttinnenNach der ausführlichen Puja, deren Beschreibung an sich Seiten füllen könnte, werden wir einzeln zum Guruji gerufen, um das persönliche heilige Mantra entgegenzunehmen. Ein bewegender Moment, der mich mit Gefühlen voller Wärme, Größe und Gnade erfüllt.

Jetzt kommen neun Mädchen herein. Wir waschen ihnen die Füße, schmücken sie mit Blumen, knien vor ihnen nieder. Sie werden beköstigt und bekommen Geschenke. Der Priester stopft jedem Mädchen Milchreis in den Mund, auch uns. Wir sitzen vor den Kindern, die uns verwundert und trotzdem gelassen anschauen. Wahrscheinlich haben sie auch noch nie eine strahlende weiße Frau im roten Sari weinen sehen. Als ich später frage, warum nur Mädchen anwesend waren, meint Guruji, dass zum einen Gott (Source) noch am ehesten in Kindern verkörpert ist. Und dass wir damit die Quelle verehren, die nun mal weiblich ist.

Mir fällt wieder eine Parallele zu meinem schamanischen Weg auf; hier beginnen viele Zeremonien mit den Worten: „Alles was Form und Gestalt hat, ist aus der weiblich-kreativen Kraft geboren.“ Ich beginne, all die Parallelen zu notieren, die mir zwischen dem tantrischen Weg und spirituellen Pfaden anderer Kulturen oder Religionen auffallen. Die Liste wird täglich länger und erzeugt ein Gefühl, als sei die ganze Welt miteinander verwandt.

Im späteren Einzelgespräch erfahren wir die Bedeutung unserer heiligen und geheimen Mantras. (Später bemerke ich eine unglaubliche semantische Parallele zu AnuKan und ich bekomme Gänsehaut.) Nachts eine weitere Feuerzeremonie, diesmal dürfen auch wir uns beteiligen. Die Emotionen sind mit dem Sternenhimmel beschäftigt, der Geist mit dem Mantra, die Hand mit dem Werfen der Körner – so bleibt dem Bewusstsein nur der einzigartige Moment.

Feuerzeremonie mittags bei 42 GradTag 5 – Das Abschlussritual

Um die Initiation abzuschließen, müssen zehn bestimmte Personen anwesend ein. Sie kommen zum  Teil von weit her angereist. Ich stecke wieder in meiner Pluderhose, ungeschminkt wegen der Hitze, und bekomme eine wichtige Unterweisung. Während der morgendlichen Meditation im Pujaraum schaut plötzlich ein Yogalehrer herein, der mein Herz erst zum Stillstand und dann zum Stolpern bringt. Er schaut mir einige Sekunden lang in die Augen, ich bin verunsichert und zweifle. Wo ist die Göttin in mir? Später, zu einer weiteren Feuerzeremonie, gehe ich aufrechter, geschmückt und bin wieder da. Ich will mich an dieses Gefühl zu Hause erinnern: Wenn ich mir etwas Schönes, Großes wünsche, muss ich zuerst selbst dieses Schöne und Große sein. Wenn ich einen König lieben will, muss ich die Königin sein – nicht die Bettlerin.

Tag 6 – Lärmendes Leben

Wir beschließen, nach Yoga und Meditation in die Stadt zu fahren. Der Ashram liegt zwischen zwei Dörfern etwa 30 km von Vadodara entfernt –  einer Universitätsstadt mit fast 2 Millionen Einwohnern. Trotzdem bekommen wir hier (wie auch später während der Reisen zu bedeutenden Kulturstätten) keinen einzigen weißen Touristen zu Gesicht. Man begegnet uns mit einer Freundlichkeit, die ich so noch nie erlebt habe. Niemand will Trinkgeld, obwohl wir manchmal große Dienste erwiesen bekommen oder sogar Geschenke. Immer geben sie zu verstehen: Es kommt vom Herzen. Wir sind gerührt und voller Eindrücke.

Einer dieser Eindrücke ist zum Beispiel, wie hier mit Handys umgegangen wird. Auch im Ashram sind sie allgegenwärtig. Wenn ich die Gespräche mit dem Herzen anhöre, bemerke ich, wie jedes Anliegen gleichermaßen ernst genommen wird. Niemals ein genervter oder gelangweilter Gesichtsausdruck, keine überflüssige Plauderei. Jemand will etwas – also wird es wichtig sein. Die Anrufe werden ganz selbstverständlich genommen, sogar im Gebetsraum, und niemals schwebt eine Störung im Raum. Alles was ist ist okay.

Tag 7 – Lernen, lernen, nochmals lernen...

Unterricht in SanskritWir üben Mudras, Mantras, vor allem aber Sanskrit-Texte. Sie wollen nicht in meinen Kopf. Ich lese die Worte ohne um deren Bedeutung zu wissen, ich lese wie eine Analphabetin. Der Meister ist unendlich geduldig. In den Pausen schütteln wir, Maria und ich, manchmal die Köpfe und fragen uns: Was machen wir eigentlich hier? Dann bekommen wir Lachanfälle, ohne zu wissen, warum wir eigentlich lachen, wahrscheinlich löst sich so unsere Anspannung. Einmal können wir uns auch am Tisch nicht beherrschen. Der Priester sagt etwas und auch die anderen beginnen zu lachen. Jemand übersetzt die Worte des Priesters: „Schaut mal, wie schön die beiden lachen, lasst uns mitlachen, auch wenn wir nicht wissen warum.“ Das machen wir übrigens auch morgens beim Yoga. Wir wollen eine neue Büroregel für Sinnesart einführen: Wenn jemand länger als 5 Minuten schlechte Laune hat, wird gemeinsam Lachyoga praktiziert.

Abends zeigen wir Guruji unsere Webseite, die ihn sehr beeindruckt. Irgendwie sind wir froh, dass er nicht die Galerie der Masseurinnen angeschaut hat. Es gibt noch so vieles, was wir nicht von ihm wissen, nicht von der Kultur, und erst recht nicht, wie (und ob?) ein erleuchteter Meister überhaupt fühlt. Ich bin fasziniert, wie gut es mir in seiner Anwesenheit geht, von Tag zu Tag freier, offener. Ich fühle, wie in mir etwas wächst, größer und größer wird. Was mir zu Hause als Problem erschien, kommt mir hier urkomisch vor. Wir stellen fest, dass wir mehr und mehr zu Kindern werden. Wir albern herum und sind verankert im Moment.

Tag 8 – Die Entscheidung

Erneut ein Tag, der mich auf die Probe stellt. 22 Seiten Sanskrit, ich mache immer wieder Fehler seit Stunden und komme nicht voran. Am liebsten würde ich meinen Lehrer anschreien: „Was soll das alles? Ich werde diese Seiten niemals auswendig lernen, ich kann das nicht!“ Dann bringt er das Fass zum Überlaufen, indem er sagt, dass ich die nächste Zeremonie anleiten soll. Ich heule, und diesmal nicht vor Ergriffenheit, sondern schlichtweg weil ich mich völlig überfordert fühle. Der Meister schlägt vor, eine Pause zu machen. In meinem Zimmer bitte ich Kali um Rat. Ich höre ihre Stimme: „Kati, komm endlich endlich in deine Kraft! Deshalb bist du nämlich hier. Das mit der erfüllten Sexualität kannst du vergessen, wenn du nicht vorher in deine Kraft kommst. Und dazu braucht es einzig und allein deine Entscheidung.“

Ich entscheide mich, wenigstens so zu tun, als könne ich lesen und mir die komplizierten Abfolgen mit unserer „Padra“ (kleines Schälchen für rituelle Handlungen) merken. Ich entscheide mich, dabei fröhlich zu bleiben und das Leben als Spiel zu betrachten. Maria ist in solchen Momenten – wie so oft auf dieser Reise – eine unglaubliche Stütze mit ihrer Heiterkeit und ihrem Fokus. Sie erinnert mich daran: „Wir sind in Indien. Nicht fragen. Machen.“ Plötzlich kommen Besucher, die die Hilfe des Guruji benötigen. Wir setzen uns also allein (vom murmelnden Priester abgesehen) in den Gebetsraum und beginnen. Nach einer Weile erkenne ich ein gewisses System und Parallelen – um nicht gleich von Logik zu sprechen. Ich beginne sogar, so etwas wie Freude an unserem unwirklichen Tun zu empfinden.

Als die Besucher dann für einen Teil der Gebetszeremonie vor dem Altar verweilen, gerät eine der Frauen in ekstatische Verzückung. Ich sehe, wie Maria schon die Hand ausstreckt, um sie aufzufangen. Die Frau schwankt und bedankt sich überschwänglich beim Guruji und den anwesenden spirituellen Entitäten.

Am Abend nochmals die Abfolge der Sanskrit-Texte. Wir können kaum noch sitzen, aber die Texte und Handlungen klappen diesmal ganz gut. Mehrmals lobt uns der Meister mit echter Verwunderung. Ich habe also eine Lektion bekommen in Sachen Fokus und Entschluss.

Tag 9 – Pilgerfahrt zum Kalitempel

Guruji und Kati vor dem KalitempelEinmal im Jahr gibt es eine große neuntägige Prozession zu einem Tempel auf dem Berg Pavagadh, ca. 80 km vom Ashram entfernt. Kali ist hier überall präsent und zieht von weit her die Pilger an, die z.T. mehrere Tage lang zu Fuß unterwegs sind. Wir, das sind Guruji, Trushna, Maria und ich, fahren morgens um fünf Uhr los. Das Benzin geht aus, aber direkt vor einer Tankstelle. Ein gutes Zeichen und wir freuen uns.

Ein Bus bringt uns über eine lange Serpentine zu einer Seilbahn. Hier stehen wir anderthalb Stunden an, in bester Laune (einfach die Entscheidung dazu…) und zieren unzählige Selfies von freundlichen neugierigen Menschen. Sie kommen aus allen Teilen Indiens, und auch hier sind wir die einzigen ausländischen Touristen.

Oben angekommen, steigt eine merkwürdige Erregung in mir auf, gepaart mit Traurigkeit. Wieder Tränen, die ich nicht stoppen kann. Die Menschen um mich herum fragen besorgt, ob sie mir helfen können. Ich sehe Bilder, die kurz wie im Blitzlicht aufploppen, sehe einen großen See, Schlangen, Leoparden. Als wir langsam, Stufe um Stufe, den Tempel emporsteigen, nimmt Guruji meine Hand und ich gehe hinter ihm. Wie damals. Ein Moment tiefer Vereinigung, der mich zurückspült in den Strom der Zeitlosigkeit. Als wir auf dem Rückweg auf die andere Bergseite kommen, sehe ich den See. „Er war damals viel größer“, sage ich." Ja", sagt er, "viel größer. Und du weißt es, weil du schon hier gelebt hast."

Auf der Rückfahrt besuchen wir noch weitere Sehenswürdigkeiten, einen Mühlstein in einem Wald zum Beispiel oder eine Familie, die uns mit großer Ehrerbietung ein Getränk serviert, was etwas ganz Besonderes sein muss: Wein. Alkohol ist im gesamten Bundesstaat verboten und nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Wir bekommen jetzt sehr warmen, vergorenen Saft, der eigentlich nur etwas faulig und nach Essig schmeckt. Ganz authentisch würgen wir Schluck für Schluck das Ekelgetränk hinunter, bedanken uns und loben den Wein – authentisch dem Wunsch folgend, uns für die Gastfreundschaft zu bedanken.

Dann ist wieder alles anders. Wir sind im Haus des Guruji, wo seine Frau, sein Sohn, seine Schwiegertochter und deren Kind leben. Schauen uns das Hochzeitsalbum des Sohnes an und erfahren viel über Sitten und Bräuche, die Stellung der Frau, den Umgang mit Kindern und die Bedeutung der Familie. Unser Guru hat hier sein Leben, das ganz anders ist, als ich mir das vorgestellt habe. Ein ganz normales Leben. Ein Familienvater, der sich kümmert und Verantwortung übernimmt. Ganz eingebunden in die Traditionen. Plötzlich wieder fremd.
Wir sehnen uns nach dem Ashram, unserem Zuhause. Nach einer Dusche und frischen Sachen. Fehlanzeige, denn nebenbei erfahren wir, dass wir hier die Nacht verbringen, weil es morgen in die andere Richtung zum Shivatempel geht. Maria bleibt gelassen. Aber klar, und nein, wegen uns muss niemand jetzt mehr die 60 km fahren. Wir bekommen wieder unseren Lachanfall. Keine frische Wäsche, kein Nachthemd, kein Kosmetikzeug, keine Zahnbürste… Wir improvisieren. Ich bin unendlich froh, mich mit Maria über all das austauschen zu können - sie ist einfach die perfekte Reisebegleiterin!

Tag 10 – Die Affen, das Meer und die Gelassenheit

Hmmm... Pakora!Ich war schon fast wieder gesund, aber nach dieser Nacht mit Klimaanlage ist mein Schnupfen zurückgekehrt. Maria und ich steigen auf eines der Dächer und machen Yoga. Die Sonne geht auf und Affen springen auf den Häusern und Bäumen herum. Wir haben alle Zeit der Welt, sie zu filmen und zu fotografieren. Gurujis Haus hat einen schönen Garten mit unterschiedlichen hohen Bäumen, an einem reifen Mangos heran. Gärten anzulegen und sich um Pflanzen zu kümmern ist die heimliche Leidenschaft des Meisters.

Auf dem Plan steht heute der Besuch eines Shiva-Tempels. Wir fahren 70 km und landen plötzlich am Meer. Der Tempel ist ein großes überdachtes Gebäude direkt an einem weiten, sonst menschenleeren Strand. In dessen Mitte befindet sich ein großer aufrechter Stein, von einer silbernen Schlange umkränzt. Niemand weiß, wie lange der Stein schon dort ist. Immer bei Flut taucht er unter, bei Ebbe kommt er zum Vorschein. Ein Shivalingam. Menschen strömen am Nachmittag herbei, um die Flut kommen zu sehen und mitzuerleben, wie der Stein von Wasser bedeckt wird. Wir stehen drei Stunden nur herum und warten. Ich kann es nicht fassen. Ein Teil in mir ist immer noch auf Effizienz aus. Aus heiterem Himmel, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, bemerke ich endlich die unzählbaren Momente, aus denen das JETZT besteht. Die großen Augen eines Kindes. Zwei verschwitzte Arbeiter, die den Stein säubern und die Schlange nach oben tragen. Zwei blinde Frauen in fremder Tracht, die es gerade noch schaffen, den Shivalingam-Stein zu berühren, bevor das große Eisentor quietschend und krachend ins Schloss fällt und bis zur nächsten Ebbe den Tempel versperrt.

Abends, nach der Puja mit dem Priester, nehme ich meinen MP3-Player und die Ohrstöpsel und tanze bei Mondschein auf dem Dach. Wild und ekstatisch, bis ich nach Luft ringend und verschwitzt ins Bett falle. Kein Platz für ein anderes Gefühl außer grenzenloser Glückseligkeit.

Das Bett auf dem DachTag 11 – Krise und Erkenntnis

4.00 Uhr morgens, die letzte Puja am Tag vor meiner Abreise. Wir räumen den Puja-Raum auf und wischen ihn. Der Priester hustet sich wieder die Seele aus dem Leib. Heute verläuft die Puja anders. Guruji liest Texte aus einem alten Buch. Der Priester bringt den Altar durcheinander, hängt uns die inzwischen trockenen Blumenkränze um, schmiert uns rotes Elixier auf Stirn und Haare, bespritzt uns mit Flüssigkeiten, macht wieder mit uns gemeinsam ohrenbetäubenden Lärm. Wir bekommen einen Apfel, den wir mit niemandem teilen dürfen. Mir wird plötzlich bewusst, dass dies die letzte Puja ist. Ich spüre, wie ich diesen Raum zu lieben begonnen habe. Mit jedem neuen Element, das uns unterrichtet wurde und mit dem wir uns beteiligen konnten, mit jedem Tag etwas mehr.

Er stand jederzeit für mich offen, war Rückzugsraum und Traumbasis. Hier gab es nichts zu tun als mit mir zu SEIN – ein echter Gottes-Dienst. Ich erinnerte mich an eine katholische Hochzeit, zu der ich neulich in Deutschland eingeladen war. Alles war so feierlich, so festlich. Die wunderbare alte Kirche war mit Blumen geschmückt und duftete nach orientalischem Weihrauch. Wie wunderbar, so einen Raum zu haben, stellte ich neidvoll fest. Ich blickte auf den überlebensgroßen dreidimensionalen Jesus im Akt der Folterung, jemand hat Nägel durch Hände und Füße getrieben, aus den Wunden tropft Blut. Hier ist nicht mein Platz. Aber wo dann? Mein Wohnzimmer-Altar hat nicht die Intensität einer Kirche. Ließe sich nicht ein kraftvoller Ort gestalten, an dem alle spirituellen Wege gleichermaßen sein dürfen, ein Platz für alle Religionen? Der Puja-Raum ist solch ein Ort. Als mir bewusst wird, dass der Raum heute aufgelöst wird, dass ich morgen nach Hause fahre, wird mir so schwer zumute, dass ich nichts mehr tun kann als mich auf mein Bett zu setzen und hemmungslos zu heulen. Sogar Yoga muss ausfallen – mir ist gerade alles völlig gleichgültig. Der Schmerz über die geraubten Kraftorte ist Jahrtausende alt.

Und auch jetzt wieder fühle ich die Kali in mir. „Gut“, sagt sie, „heul eine Weile, aber fall‘ nicht in Selbstmitleid hinein wie in ein Moor. Wenn der Schmerz kommt, bleib im Feuer stehen und fühle ihn. Und noch während du ihn bis zum Grund fühlst, steh auf und geh. Tu die Dinge, die zu tun sind. Entscheide dich und komm in deine Kraft.“ Mit verheulten Augen geselle ich mich also wieder an den Tisch, nehme an den Gesprächen teil, kann bald befreit lachen und bitte Guruji und den Priester um ein Interview, das wir mit der Kamera aufnehmen.

Nachtmittags Punkt 16 Uhr gibt es wie immer einen Fingerhut voll Tee oder Kaffee. Wenn wir besonders darum bitten, macht Trushna sogar mal zwei. Wir bekommen deutsche Kekse und es kommt fast so etwas wie Gemütlichkeit auf, wenn davon in diesem Ashram überhaupt die Rede sein kann, mit den grauen Betonwänden und schlichtweg gar keiner Einrichtung außer Tischen, Betten und Stühlen. Abgesehen vom Altar ist alles sehr spartanisch. Ich muss an meine Liebe zur Wüste denken und dass es über sie heißt: „Gott hat alles aus ihr entfernt, damit der Mensch Platz hat, sich selbst darin zu finden.“ Ich genieße diese Leere und denke mit Unbehagen an meine – aus dieser Perspektive – vollgestopften Räume zu Hause. Ich weiß, dass ich nach meiner Rückkehr jedes Ding prüfen werde: Ist es in meinem Zimmer, weil ich es geschenkt bekam, weil ich mich dran gewöhnt habe, weil es einfach nett aussieht? Ich werde Tabula rasa machen und nur noch Dinge bei mir behalten, die den Raum zu einem Kraftplatz machen.

Bananenplantage neben dem AshramWir unterhalten uns und mein Englisch wird von Tag zu Tag besser. Wir sind alle recht aufgeräumt und können Trushna und Guruji ein paar persönliche Details entlocken. Guruji ist bis vor 5 Jahren viel herumgereist auf der ganzen Welt. Dann begannen er und Trushna einen Prozess, der nicht erlaubte zu reisen. Beide sind dadurch an einen Punkt gekommen, wo sie nicht mehr wieder geboren werden, worüber sie sich zu freuen schienen. Ich frage „Why?“, und sage, dass ich sehr wohl immer wieder auf dieser Erde als Mensch leben möchte, denn diese Erde ist wundervoll und es ist so spannend und schön, hier zu leben! Die beiden werfen sich einen Blick zu und schmunzeln. Warum habe ich mit den beiden immerzu das Gefühl, dass alles richtig ist, was immer ich sage und tue? Meine Großmutter kommt mir in den Sinn. Wenn wir sie um Rat gefragt haben, meinte sie stets: „Kinder, macht es wie ihr wollt – wie ihr es macht ist es richtig!“ Diese Großmutterenergie braucht jeder im Leben, um sich selbst richtig zu fühlen. Wir sind soziale Wesen und das Feld, in dem wir uns aufhalten, bestimmt, wie wir uns fühlen. Mir kommt wieder Sinnesart in den Sinn. Was für ein starkes Feld könnten wir kreieren!

Tag 12 – Abschied

Bei Sonnenaufgang brechen wir nach Dakor zum berühmten Krishna Tempel auf. Marias erste Reaktion: „Hier will ich unbedingt wieder her!“ Eine große Tempelanlage mit weißen Kuppeln, überall Marmorstufen, auf denen die Besucher sitzen. Auf einem See fahren weiße Schwäne als Gondeln umher. In den Straßen unzählige Händler, die Ritualgegenstände oder Obst verkaufen. Und auch hier wieder, leider, jede Menge Plastikmüll. Müllabfuhr kostet Geld. Indien – das Land voller Gegensätze. Ich kann mich über Dreck und Müll ärgern oder ich kann das Schöne bewundern – es ist meine Entscheidung. Ich kann auch eine Spendenaktion zum Aufräumen des Platzes organisieren, ich könnte dies, ich könnte das… Was ich dazu brauche, ist Kraft. Kraft kommt aus Liebe und Akzeptanz.

Wir erleben – wieder als einzige nicht-indische Touristen – die Prozession mit und bekommen eine Ahnung, wie zu solchen Anlässen Massenpanik entstehen kann. Man muss sich vorstellen, dass die Öffnung des Schreins gleichbedeutend damit ist, eine leibhaftige Gottheit zu sehen. Würde Jesus lebendig auf dem Altar sitzen, würde sicher die Kirchgemeinde ebenfalls ausrasten. Abgesehen von den Bettlern, die zu den Prozessionen dazugehören, will niemand etwas von uns, weder dass wir etwas kaufen noch stehenbleiben und Waren betrachten. Während der gesamten Reise im Bundesstaat Gujarat wird Trinkgeld immer entschieden abgelehnt, die Menschen machen eine Geste von ihrem Herz zu uns und ehren uns. Die Freundlichkeit, die uns entgegengebracht wird, ist umwerfend. Wo immer wir hinkommen, will man nichts von uns, sondern beschenkt uns.

Als ich im Flugzeug sitze, rollen mir immer wieder die Tränen herab. Ich nenne es „spirituellen Liebeskummer“ und kann mir noch so sehr einreden, dass wir ja immer und auf ewig miteinander verbunden sind – es ist nicht nur der Abschied vom Guru. Es ist die Sehnsucht nach dem Bei-mir-sein, was im Ashram so selbstverständlich gelang. Maria und ich haben beschlossen, dass wir uns viel davon bewahren wollen; viel der Ruhe, der inneren Entschlossenheit und Kraft. Das Lachen immerzu, die Leichtigkeit und dass wir zu Kindern geworden sind. Eine selbstverständliche Freundlichkeit und vor allem Toleranz und Akzeptanz. Kurzum: die Liebe, die alles durchtränkt und immerzu spürbar ist.

Fazit und Sinnesart

Wenn mir noch vor kurzem jemand gesagt hätte, dass ich einen Guru akzeptieren, ja ihn sogar als meinen Meister anerkennen und ihm verbunden sein würde, hätte ich dies heftig abgestritten. Meine freiheitsliebende Seele hätte „nie und nimmer“ gerufen! Zumal meine Weltanschauung davon ausging, dass wir ja sowieso alle Teil der Göttlichkeit sind. Jetzt merke ich, wie theoretisch dieses Konzept war. Auch „Selbstliebe“ war solch ein Konzept. Wir oft habe ich Mobbing mir selbst gegenüber betrieben, mich angetrieben, mehr kritisiert als gelobt und mit meinem Körper gehadert.

Ich bin mir sicher, dass wir nicht alle einen Guru brauchen – vielleicht nur in so resistenten Fällen wie ich es war. Was wir brauchen, sind andere Menschen, die uns das spiegeln, wonach wir uns sehnen und was immer in uns ist. Wir sind soziale Wesen und schon Einstein sagte: „Das Feld ist die einzig bestimmende Kraft für das Teilchen.“ Jeden Tag ist die Entscheidung gefragt: Will ich Recht haben, oder will ich Meisterin meines Lebens sein?

Die Idee der Gewaltlosigkeit, die Gandhi in Indien praktiziert hat, hat nichts mit Abwesenheit von Kraft zu tun. Im Gegenteil: Jede Form von Gewaltlosigkeit (gewaltfreie Kommunikation, Selbstliebe...) braucht unglaublich viel Mut und Entschlossenheit.

„Weißes Tantra“, so wie ich es jetzt kennengelernt habe, hat nichts mit esoterischem BlaBla und Räucherstäbchen zu tun. Es umfasst alle Bereiche des Lebens, und ab einem bestimmten Punkt auch Sexualität. Tantra erlebte ich als radikalen Weg der Bewusstheit. Nicht über den Verstand, den Geist, sondern direkt über‘s Herz. Dies wird dadurch praktiziert, indem Angst, Hass oder Scham komplett aus den Lehren herausgenommen sind. (Sie tauchen beim Schüler nur dann auf, wenn sie vorher als alte Muster gespeichert waren – und werden durch Akzeptanz aufgelöst.) Tantra beginnt immer bei einem selbst. Tantra ist die reinste Friedensmission.

Und der Weg des Tantra heißt Verantwortung. Wenn ich Guruji frage, ob wir Fotos mit ihm für die Webseite verwenden dürfen oder ähnliche Dinge, so antwortet er seit der Initiation: „Ihr müsst nicht mehr fragen, denn ihr gehört jetzt zur Familie. Seit der Einweihung akzeptieren wir alles, was ihr tut.“  Diese Verantwortung macht mich einerseits groß; ich fühle Ebenbürtigkeit. Andererseits wägen wir umso mehr ab, was wir berichten und was uns zu intim oder zu heilig erscheint, denn Verantwortung verpflichtet. Erwachsenwerden auf tantrisch – welche Vision könnte man daraus für modernes Leadership ableiten!

Einer meiner drei Wünsche, die ich am Anfang der Zeremonialzeit formulierte, betraf Sinnesart. Ich bin dabei, eine Revolution anzuzetteln. Wie wäre es, könnten wir ein Feld schaffen voller Vertrauen und Respekt, in dem jede Mitarbeiterin Aufgaben entsprechend ihrer Stärken erfüllt? In dem das Ego zurücktritt hinter den Wunsch, gemeinsam einer Sache zu dienen? Wie würde sich das auf unsere Gäste auswirken und damit auf uns selbst? Welche Strahlkraft hätten wir, um die Kunst der inneren Friedfertigkeit in die Welt zu tragen? Fast jeder spürt, dass die Welt nach einer Veränderung ruft. Warum nicht selbst diese Veränderung sein? „Die beste Möglichkeit, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten.“ (Brandt, Beuys u.a.) Dazu braucht es innere Klarheit, Entschlossenheit und Geduld. Und seit Indien weiß ich: Liebe ist der Boden und Humor der Dünger, auf dem Neues wachsen kann.

Ein herzlicher Dank geht an Maria, meine wunderbare Reisebegleiterin, Kollegin und Freundin. An alle Lehrer, die mich bis hierher begleitet haben, und an Trushna und Guruji.